
Pressekonferenz Hochhausstop in München: Wolfgang Czisch, Christian Ude, Robert Brannekämper, Moderator Bernd Schreiber
Bei einer Pressekonferenz am 5. August in München gab die Bürgerinitiative „Hochhausstop“ bekannt, dass sie ein Normenkontrollverfahren gegen den Bebauungsplan auf dem Paketpost-Areal unterstützen wird. Eine Klage wurde für Dezember 2026 angekündigt.
Der Bebauungsplan wurde Ende Juni im Amtsblatt der Stadt bekannt gemacht. Einen Bürgerentscheid über die so genannten Büschl-Türme und deren Höhenbegrenzung hatte das Verwaltungsgericht Anfang des Jahres abgelehnt. Nun ist der Weg für die Bebauung nahe der S-Bahn-Stammstrecke eigentlich frei – hier sollen Büros für 3.000 Beschäftigte und 1.200 Wohnungen entstehen.
Geplant sind drei Hochhäuser – zwei Türme mit einer Höhe von 155 Metern und ein 19-stöckiges Gebäude von 65 Metern. Die benachbarte alte Paketposthalle ist Teil des Vorhabens und steht unter Denkmalschutz: Der Investor, die Büschl-Gruppe aus Grünwald, ist verpflichtet, die Halle zu erhalten und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dafür muss sie teuer saniert werden.
Die beiden ehemaligen Münchner Stadträte und heutigen Hochhausstop-Sprecher Robert Brannekämper (CSU) und Wolfgang Czisch (SPD) präsentierten den Medien ihre wesentlichen Kritikpunkte an diesem Vorhaben. Dabei hatten sie den persönlichen Beistand des ehemaligen Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD). Der Pressetermin während einer extremen Hitzewelle unterstützte das Argument, die Wolkenkratzer und eine extrem dichte Bebauung nahe der sowieso schon stark aufgeheizten-S-Bahn-Strecke seien nicht klimagerecht.
Der Deal: dichte Hochhaus-Bebauung und Paketposthallen-Sanierung
Ein Kern der Kritik von Hochhausstop ist, wie weit die Stadt dem Investor entgegen gekommen ist: Damit er die Paketposthalle sanieren kann, wurde ihm eine sehr dichte Hochhaus-Bebauung zugestanden – für den Hochhaus-Bereich entspricht das einer Geschossflächenzahl von 5,5. Hinzu kommt, dass Sanierungskosten der Halle in einer Höhe von 100 Millionen Euro auf die städtischen Sobon-Abgaben angerechnet werden.
Hintergrund: Das Instrument der „Sozialgerechten Bodennutzung“ (Sobon) hat München im Jahr 1994 beschlossen, also während Udes Amtszeit. Ein Bebauungsplan verpflichtet Bauträger und Investoren, sich an den zugehörigen Kosten beteiligen – etwa für Erschließung, Grünflächen, Grundschulen und Kindergärten. Auch der Anteil geförderter und preisgedämpfter Wohnungen wird festgelegt. Die aktuelle Fassung der Sobon ist ein Baukastenmodell, in dem ein Investor die nötigen Punkte auf verschiedenen Wegen erreichen kann.
Aus der Sicht Brannekämpers passen die Sanierungskosten der Halle gar nicht zur Sobon, weil es sich dabei nicht um Kosten des neuen Wohngebiets handelt. Er warf die Frage auf, ob es sich um einen Verstoß gegen das Kommunalrecht oder das Baugesetzbuch handeln könnte – Stichwort Kopplungsverbot. Hier sieht er einen Ansatzpunkt für eine Klage. Weitere denkbare Themen seien der Verkehr, der Lärmschutz und das Grundwasser.
Finanzierungsprobleme bei Mietwohnungen und Infrastruktur?
Außerdem verpflichtet sich der Investor, dass die Hochhäuser auch bezahlbare Mietwohnungen enthalten – nach Auskunft der Stadt wären es 42.200 Quadratmeter von einer gesamten Wohnfläche bis zu rund 70.000. Allerdings fehlt es derzeit an den nötigen öffentlichen Fördermitteln, daher haben Stadt und Büschl-Gruppe in einem Nachtrag zum städtebaulichen Vertrag eine „Auffangklausel“ verankert. Eine denkbare Option wäre, dass der Investor diese fertigen Wohnungen der Stadt direkt übertragen würde.
Da der Investor seine Sobon-Verpflichtungen über den Erhalt der Halle und den Bau von Wohnungen erfüllen soll, bedeutet das letzten Endes: Die Stadt München wird die Infrastruktur und Folgekosten des neuen Viertels alleine stemmen müssen, obwohl sie derzeit große finanzielle Probleme hat.
Ex-OB Ude kritisiert das Hochhausprojekt – und den Umgang mit der Sobon
Der frühere Oberbürgermeister Ude sprach sogar davon, dass die Sobon in diesem Fall „nur noch dem Vermögen des Investors“ diene. Außerdem stehe die typische „Münchner Mischung“ verschiedener Schichten auf dem Spiel, wenn sich bezahlbare Mietwohnungen und „alle Sozialfälle“ im kleinen Hochhaus konzentrierten, während die Besserverdienenden aus den hohen Türmen „auf die Stadt herabsehen“ könnten. Deren Höhe würde zudem die Altstadt-Silhouette beeinträchtigen. Ude erwähnte auch die Auswirkungen auf die denkmalgeschützte Schlossanlage Nymphenburg. (Mehr dazu im Artikel von September 2025: Denkmalschutz versus Hochhäuser auf dem Paketpost-Areal)
Außerdem steuerte der frühere Oberbürgermeister einen Gag am Rande bei: Er hatte am Vorabend die ARD-Dokumentation Umbau statt Abriss? Zu viele Büros – zu wenig Wohnraum angeschaut (Link zur ARD-Mediathek). Darin ist auch der Abriss eines Büschl-Bürogebäudes zu sehen – ein Foto davon wurde unter den Pressevertretern herumgereicht.
Ein Konzertsaal im Untergrund der Paketposthalle?
Ude gehört zwar nicht zu den traditionellen Münchner Hochhausgegnern, möchte aber den Bürgerwillen respektiert wissen, der seit dem Hochhaus-Entscheid im Jahr 2004 nicht mehr abgefragt wurde. Schließlich empfahl Ude eine besonders kritische Kostenprüfung, was unterirdische Bauwerke angeht, und nannte einige Beispiele aus seiner Amtszeit.
Dieser Punkt galt aber auch der vagen Idee des Investors, einen Konzertsaal im Untergrund einzubauen. Wolfgang Czisch bezweifelte, dass dies überhaupt machbar und finanzierbar sei, und verwies auf die Baukosten von rund 1,3 Milliarden, die schon für einen oberirdischen, also einfacher realisierbaren Konzertsaal im Münchner Werksviertel anfallen würden – das dortige Vorhaben stagniert. Czisch kritisierte zudem, dass Wissenschaftsminister Markus Blume den fiktiven Konzertsaal unter der Paketposthalle für eine ernsthafte Option zu halten scheint. Der Anlass für diese Kritik war ein Interview mit Blume in der Münchner Abendzeitung.
Klagen gegen zwei Bauvorhaben der Büschl-Gruppe
Wer gegen den Bebauungsplan klagen wird, wurde beim Pressetermin noch nicht bekannt gegeben. In Frage kommen die direkt betroffene Nachbarschaft und zur Klage berechtigte Verbände, etwa aus dem Naturschutz.
Zwei Wochen später wurde bekannt, dass Investor Büschl bei einem weiteren Vorhaben mit einer Klage rechnen muss. Hier kommt der Gegenwind aus dem Naturschutz: Der Landesbund für Vogelschutz (Kreisgruppe München) wird gegen das Bauvorhaben im Eggarten klagen (Link zu meiner Seite Biotop-Eggarten.de). Hier steht also der Kläger schon fest, aber der angestrebte Klageweg (Normenkontrolle oder etwas anderes) wurde noch nicht öffentlich gemacht.
Irene Gronegger, Diplom-Geographin und freie Journalistin, München
Eine kürzere Fassung dieses Artikels erschien kürzlich in der Bayerischen Staatszeitung (unabh. Wochenzeitung). Das Bild über dem Artikel zeigt die alte Paketposthalle.
Der Pressetermin war recht gut besucht – es berichteten außerdem der Bayerische Rundfunk, TV München, mehrere Lokalzeitungen sowie die Immobilienzeitung. Es erschien außerdem eine DPA-Meldung, die von Zeit Online aufgegriffen wurde.
Pingback: Denkmalschutz versus Hochhäuser auf dem Paketpost-Areal | Maxvorstadtblog