Rückblick: Der Autogeher Michael Hartmann

Erinnert sich noch jemand an Michael Hartmann? Er war Anfang der neunziger Jahre öfter im Fernsehen, weil er den Münchner Straßenverkehr anarchistisch aufmischte. Auf rücksichtslos zugeparkte Gehwege reagierte er ab 1988, indem er einfach über im Weg stehende Autos hinweg lief – deshalb „Autogeher“ oder „Carwalker“.

Einige seiner Medienauftritte sind noch auf Youtube zu finden. Damals war Michael Hartmann vor allem in der Maxvorstadt und in Schwabing unterwegs. Und die Gehwege waren tatsächlich dermaßen zugeparkt, dass seine Herangehensweise gar nicht so abseitig erscheint – besonders mit Rollstuhl oder Kinderwagen war damals an manchen Stellen kein Durchkommen mehr:


Auch ein Dankschreiben einer blinden Frau kommt im obigen Video vor. Hartmann ließ es aber nicht dabei bewenden, behutsam über falsch geparkte Autos zu klettern, sondern war als Fußgänger auf Fahrbahnen von Hauptverkehrsstraßen unterwegs, zum Beispiel der Ludwig- und Leopoldstraße. Noch brisanter wurde es, wenn er die Fahrbahnen mitten im fließenden Verkehr oder bei roter Fußgängerampel überquerte:


Die ORF-Seitenblicke haben Michael Hartmann – den „Erstbesteiger so mancher Nobelkarosse“ – dennoch recht gelassen und mit einer Prise Wiener Ironie porträtiert:


Das wilde Parken auf Gehwegen hat sich seitdem deutlich gebessert – vielleicht hat auch Hartmann etwas dazu beigetragen, dass es weniger toleriert wird.

Der Autogeher – das Buch

Hartmann hat seine Erfahrungen in dem Buch „Autogeher“ aufgeschrieben, das nur noch in Bibliotheken und antiquarisch zu haben ist, zum Beispiel bei Amazon (Werbelink).

Der Autor beschreibt ausführlich, was er alles unternommen hatte, um den Autos auf für andere unerwartete Art im Weg zu sein. Michael Hartmann blieb gern mitten im Verkehr auf Fußgängerüberwegen stehen und packte seinen Proviant aus. Er nannte das „falsch Brotzeit machen“, eine Retourkutsche auf oder Pendant zum Falschparken der Autos auf Geh- und Radwegen. Zum Teil wurde diese Sicht von der Polizei übernommen und mit einem entsprechend geringen Bußgeld bedacht. Als er damit einen Stau im Berufsverkehr auslöste, sah das Gericht die Sache aber anders … Hartmann schildert nicht nur die Reaktionen der Polizei, sondern auch die Verhaltensweisen von Passanten und betroffenen Autofahrern, die sehr unterschiedlich ausfallen. Außerdem zitiert er aus Gerichtsurteilen und psychiatrischen Gutachten, die aus seinen Aktionen resultierten.

Nebenbei erfährt man, dass die Wanderbaumalleen, die Greencity heute in München aufstellt, auf einer Idee des Autors beruhen: Michael Hartmann wollte ein Auto mit Anhänger korrekt parken und den Anhänger begrünen, sodass auf diese Weise ein zweiter Parkplatz belegt und die Umgebung verschönert werden sollte. Da Hartmann gut mit anderen Aktivisten und zum Teil mit den Grünen vernetzt war, konnten seine Ideen noch weitere Kreise ziehen. In den Neunzigern hielt er auch Vorträge und sogar Autogeher-Seminare.

Wer den Strom an fahrenden Autos ganz legal und vor allem weniger gefährlich als Michael Hartmann entschleunigen will, sollte aber lieber aufs Fahrbahnradeln setzen. Das ist in den meisten Fällen sogar sicherer als sich auf Radwege zurückzuziehen, die hinter parkenden Autos versteckt sind – der Hauptgrund, warum ich damit angefangen habe. Nur solche Radwege, die als benutzungspflichtig ausgeschildert sind und in einem benutzbaren Zustand, müssen der Fahrbahn vorgezogen werden. Da diese vernünftigen Regelungen wenig bekannt sind, wird man als Fahrbahnradlerin trotzdem nicht selten als Fahrrad-Anarchistin betrachtet.

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